Heute ist Weltgeschichtentag! Ein schöner Anlass, einmal darüber nachzudenken, was das Tolle an Geschichten ist und weshalb Eltern ihren Kindern unbedingt einen Geschichtenschatz mit ins Leben geben sollten.

Geschichten entführen in eine andere Welt

Noch heute als Erwachsene lese ich, um den Alltag zu vergessen und es gibt Geschichten aus meiner Kindheit, die ich hervorhole, wenn ich krank bin. Die Geschichten bringen mich gleich doppelt in eine andere Welt – in die Welt, die im Buch beschrieben wird und die Welt meiner Kindheit. Von diesem Ausflug kehre ich immer gestärkt zurück. Das ist aber nur so, weil meine Mutter uns Kindern viel vorgelesen hat. Es gab nicht viele Bücher bei uns zu Hause, aber wir bekamen immer mal ein Pixibuch geschenkt. Das Pixibuch war nicht teuer und enthielt bzw. enthält immer genau eine Geschichte, die man in 10 bis 20 Minuten vorlesen konnte. So habe ich beim Vorlesen Einblicke in andere Familien und andere Welten bekommen und gelernt, mich in andere Menschen oder auch in Tiere hineinzuversetzen. Während meine Mutter vorgelesen hat, hat mein Vater viel erzählt – aus seinem Alltag und aus seiner Kindheit. Manche meiner Geschichten, gerade die Vorlesegeschichten für Senioren, greifen die Erzählungen auf, weil sie so skurril und interessant waren.

Geschichten schärfen das Kino im Kopf

Hier muss ich vorweg schicken, dass ich Computer, Internet und Fernsehen liebe. Und trotzdem bin ich froh, dass ich in einer Zeit aufgewachsen bin, in der es noch nicht so viele Fernsehprogramme gab. Ich musste mir meine eigenen Bilder zu den Geschichten machen, es gab keine Bücher zu Fernsehsendungen oder Filme, Comics o. ä. zu Büchern. Ich musste mir meine eigenen Bilder machen und das müssen Kinder auch heute lernen. Allerdings ist das heute sehr viel schwerer, weil es überall Bilder gibt. Es existieren ja kaum noch Vorlesebücher ohne Bilder. Nun könnte man sagen, dass wir nun einmal in einer Welt der Bilder leben. Ja, das stimmt. Aber es gibt nicht für jede Lebenssituation, die jeder einzelne erlebt, ein fertiges Bild. Es gibt Vorbilder, aber keine 1:1 passenden Bilder. Wir Menschen denken in Bildern, wir schaffen uns ständig unsere eigenen Kino-Filme im Kopf. Wenn wir ein Wort hören, verbinden wir es mit einem Bild und wenn wir ein Problem lösen müssen, stellen wir uns verschiedene Lösungsmöglichkeiten vor. Da hilft es natürlich, wenn ein Kind früh anfängt, eigene Bilder zu entwickeln. Übrigens auch ganz praktisch in der Schule eine Reizwortgeschichte schreiben soll oder eine Textaufgabe lösen muss. Ich kenne keine Studien dazu, aber wenn ich die Kinder, die ich in zehn Jahren als Lernbegleiterin betreut habe, Revue passieren lasse, dann bin ich sicher, dass es einen Zusammenhang zwischen Vorlesen ohne Bilder und Erzählen und dem Lösen von Text- und Schreibaufgaben gibt.

Geschichten erweitern den Wortschatz

Jeder Mensch kommt mit leerer Wortschatzkiste zur Welt. Der Wortschatz entwickelt sich beim Zuhören – nicht beim Hinsehen. Das Zuhören wird ergänzt durch das Anschauen, aber bis ein Kind lesen kann, lernt es die Wörter beim Hören. Je mehr und je unterschiedliche Wörter ein Kind hört, umso größer wird sein Wortschatz. Auch wenn es nicht jedes Wort selbst aktiv nutzt, so hat es die Wörter doch schon einmal gehört und kann sie einordnen. Nun ist der Wortschatz, den wir im Alltag benutzen, eher übersichtlich. Geschichten – ob erzählt oder vorgelesen – bringen zwangsläufig andere, neue Wörter mit sich. Selbst wenn diese nicht sofort erklärt werden, gelangen sie in die Wortschatzkiste und sobald sie zum zweiten Mal auftauchen, kommen sie bekannt vor. Auf diese Weise unterstützen Geschichten auch die Sprachentwicklung, doch das ist ein größeres Thema, das ich in einem Extrabeitrag erkläre.

Geschichten machen einfach Spaß

Sie ahnen schon, ich könnte stundenlang weiter darüber schreiben, wie toll und wichtig Geschichten sind. Auch deshalb, weil ich viele Kinder erlebe, die keine Geschichten kennen und erfinden können und mich das manchmal traurig macht. Daher lasse ich keine Gelegenheit aus, dafür zu werben, Ihrem Kind vorzulesen und eigene Geschichten zu erzählen. Dafür müssen Sie weder ein perfekter Vorleser oder eine perfekte Vorleserin sein und Ihre eigenen Erzählungen müssen nicht durchkonzipiert sein. Wichtig ist, dass Ihr Kind Geschichten kennenlernt. Und wenn Ihnen nichts einfällt, schlagen Sie ein Wörterbuch auf, jeder tippt mit geschlossenen Augen auf eine Seite und nun versuchen Sie aus den Wörtern eine Geschichte zu erfinden. Je unsinniger, desto lustiger, das kann ich Ihnen versprechen. Viel Spaß!

Hinweis: Die Beitragsfotos sind im Haus der Geschichten im Bücherdorf Müllenbach entstanden und der Rabe heißt Corvo und ist Hauptfigur einiger Geschichten, die ich geschrieben habe.