In Großbritannien gab es am 6. Februar 2015 einen Kritzeltag, habe ich gelesen, ein schöner Aufhänger, um über Kritzeln und die Bedeutung für die Schulfähigkeit zu schreiben. Abgesehen davon, dass Kritzeln entspannt und Spaß macht, ist es für Kinder eine Vorstufe des Schreibens und fördert die Feinmotorik.

Was genau ist Feinmotorik?

Als Feinmotorik werden vereinfacht gesagt die Bewegungen der „feingliedrigen“ Körperteile bezeichnet, der Zehen und des Fußes. Grobmotorik bezieht sich auf die Bewegungen des ganzen Körpers und der Körperteile. In unserer Kultur spielt in der Feinmotorik vor allem die Bewegung von Finger und Hand eine bedeutende Rolle. Nur in Ausnahmefällen wird mit Fuß und Zeh gegriffen, geschrieben, gemalt o. ä. Dabei ist es auch interessant, welche Ergebnisse herauskommen, wenn man mit einem Stift zwischen den Zehen versucht, einen Kreis zu malen und zu kritzeln. 🙂

Die Rolle der Feinmotorik beim Schreiben

Für ein Kind ist es wichtig, vor der Einschulung Finger und Schreibhand bewusst einzusetzen. Das heißt zum einen, einen Stift richtig zu halten, sodass die Stiftführung nicht anstrengt, und zum anderen, den Stift gezielt zu bewegen. Erinnern Sie sich an Kleinkinder, die mit dem Stift wild auf dem Blatt herumfahren. Diese Stufe sollte ein Kind am ersten Schultag hinter sich gelassen haben und gezielt einen Strich von unten nach oben, links nach rechts u. ä. ziehen. Und es sollte erkennen, wo das Ende des Blattes, eines Feldes oder auch wo Linien sind und rechtzeitig den Stift absetzen oder die Richtung wechseln. Schreiben ist ja nichts anderes als Linien über ein Blatt zu ziehen und nach einem festgelegten System die Richtung und vom geraden Strich zur Kurve zu wechseln.

Beim Kritzeln die Feinmotorik schulen

Wenn also Schreiben letztlich „nur“ die richtige Kombination von Strichen und Bögen ist, wird auch klar, warum Schwungübungen in vielen Vorschulheften auftauchen und Kritzeln eine Vorstufe für das Schreiben ist. Hier übt Ihr Kind ja genau, den Stift zu führen, nicht über den Rand zu zeichnen und oft auch nach einem eigenen System ein Muster zu realisieren. Manchmal ähnelt das Muster der Schrift, eine Zickzack-Linie sieht nun mal ein bisschen wie eine Reihe von kleinen I, N, M oder U aus. Lassen Sie Ihr Kind also ruhig kritzeln – na gut, nicht gerade auf Tapete oder Tischdecke. Aber vielleicht finden Sie noch irgendwo eine Schreibtischunterlage aus Papierbögen, diese großen Bögen eignen sich wunderbar – nicht nur für Kinder 🙂 – zum Kritzeln.

Kritzeln als Vorstufe der Schrift

Kritzeln statt Schreiben

Kritzelbrief von meiner Patentochter 🙂

Erinnern Sie sich an eigene Kritzeleien? Oder kritzeln Sie nicht? Bei mir ist es so, dass sich meist aus wahllosen Strichen ein Muster entwickelt, manchmal entstehen sogar überraschend wundersame Gesichter. Kinder kritzeln zunächst ebenfalls ohne Sinn, weil es sie fasziniert, dass ein Stift etwas auf ein weißes Blatt zaubern kann. Irgendwann stellen sie fest, dass Erwachsene den Stift nutzen, um etwas zu schreiben, das Sie selbst oder andere verstehen können. Dann haben Sie den Sinn der Schrift erkannt, wissen aber noch nicht, wie sie funktioniert. Sie ahmen nach, was sie sehen und das sind für Menschen, die keine Buchstaben kennen, verschlungene Linien und Striche. Diese Grunderkenntnis ist nötig, damit ein Kind überhaupt Buchstaben lernen kann. Nur, wenn es den Sinn von Buchstaben und auch der richtigen Schreibweise der Buchstaben kennt, kann es diese automatisieren und das ist nötig fürs Schreiben. Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich bei jedem Buchstaben überlegen, wie der geschrieben wird. Das dauert länger und ist mühseliger als mit zwei Fingern auf der PC-Tastatur zu tippen.

Kritzeln am Computer

Apropo PC – ich werde oft gefragt, ob ein Kind nicht auch am Computer, Tablet oder Smartphone Feinmotorik üben kann. Jein. Natürlich übt es beim Computer, mit dem Finger gezielt auf eine Taste zu tippen, ansonsten trainiert es eher, einen Cursor mit einer Maus oder einem Touchpad zu führen. Das ist eine in unserer Zeit wichtige Fähigkeit, fürs Schreiben bringt das aber wenig. Anders ist es mit Grafiktablet, auf denen man mit einem Spezialstift schreibt, zeichnet oder kritzelt und das Ergebnis auf dem Bildschirm sieht. Hier wird ja schon ein Stift geführt. Genauso ist es beim Smartphone oder Tablet, sofern es mit einem speziellen Stift bedient wird. Das „Schreiben“ mit dem Finger auf einem Touchscreen ist zwar schön, kann auch hilfreich sein, wenn man Buchstabenbilder vermitteln möchte, aber zum Schreiben auf dem Papier gehört nun mal einen Stift zu führen und das wird beim Berühren eines Screens mit dem Finger nicht geübt.

Zurück zum Kritzeltag

Natürlich weiß ich, dass der Kritzeltag eher die Kritzeleien im Blick hatte, die wir als „Doodle“ kennen. Dann doodeln Sie doch heute mal mit Ihrem Kind und veranstalten Sie Ihren eigenen Kritzeltag. Suchen Sie eine Seite mit allen großgeschriebenen Druckbuchstaben, nehmen Sie ein quadratisches Papier in Bierfilzgröße und kritzeln Sie darauf beide alle Buchstaben ineinander. Am Ende können Sie gemeinsam versuchen, einzelne Buchstaben zu entziffern. Wenn Ihnen 26 Buchstaben zu viel sind, weil heute so viel los ist, nehmen Sie nur jeder die Buchstaben des Vornamens. Viel Spaß und wenn Sie Lust haben, scannen Sie die Werke ein und laden Sie sie ins Kommentarfeld. Ich bin gespannt.

Hinweis zum Beitragsbild, damit keine Missverständnisse auftauchen: Es ist nicht von einem Kind gekritzelt und auch nicht heute, sondern vor vielen Jahren im Kunstunterricht. 🙂