„Mein Kleinster kommt im Sommer zur Schule. Einer seiner Brüder hat eine sehr starke Lese- und Rechtschreib-Schwäche. Wie kann ich den Kleinsten nun gut auf die Schule vorbereiten?“ Das ist sicher ein besonderer Fall, der allerdings nicht so selten ist, wenn man bedenkt, dass je nach Schätzung und Statistik jedes zehnte Kind eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat. Deshalb lohnt sich es sich durchaus, sich schon vor der Einschulung Gedanken darüber zu machen.

Was ist eine Lese-Rechtschreib-Schwäche?

Die Frage ist schon deshalb nicht so leicht zu beantworten, weil es nicht DIE Lese-Rechtschreib-Schwäche gibt. Manche Experten behaupten sogar, es gebe gar keine und andere sehen jeden Schüler, der im Diktat eine 6 schreibe, als lese-rechtschreib-schwach an. Es gibt Schüler, die nicht lesen können, aber beim Schreiben keine Probleme haben, umgekehrt gibt es Schüler, deren Texte man kaum entziffern kann, die aber wunderbar und sogar gerne lesen. Und dann sind da die Schüler, die mit beidem Probleme haben, was sich oft bedingt, weil viele Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche einen inneren Widerstand gegen Buchstaben entwickeln. So ist übrigens der Titel meines Kinderbuches entstanden: „Buchstabenverschwörung“, dieser Eindruck kann aber auch wirklich entstehen, wenn man sieht, wie sich Schulkinder mit LRS durch einen Text quälen.

Wie entsteht eine Lese-Rechtschreib-Schwäche

Aber vorher noch ein Hinweis auf die Ursachen einer Lese-Rechtschreib-Schwäche, weil ich schon mitbekommen habe, dass Eltern sich oder auch der Schule die Schuld zuschieben. Es gibt nicht die eine Ursache für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Sie entsteht im Zusammenspiel von unterschiedlichen Faktoren, vermutlich gibt es eine genetische Veranlagung, aber die muss nicht unbedingt ausgeprägt werden. Eine verzögerte Sprachentwicklung kann sich auswirken und natürlich, welche Rolle Sprache und Geschriebenes in der Familie spielen. Auch der Schulunterricht kann Folgen haben, muss er nicht, aber er kann eben doch dazu führen, dass die Veranlagung sich Bahn bricht. Ich stelle die Frage nach den Ursachen meist erst mal zurück, weil das Ergebnis der Suche dem einzelnen Kind selten hilft – es kann weder Gene wechseln noch mal eben die Schule oder den Lehrer und selbst nach einem Wechsel wird nicht immer alles besser. Wichtige ist darauf zu schauen, wie man verhindern kann, dass die „Buchstabenverschwörung“ zustande kommt bzw. als Problem empfunden wird.

Phonologische Bewusstheit

Vielleicht haben Sie den Begriff „Phonologische Bewusstheit“ schon einmal im Kindergarten gehört. Er bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, sich Sprache und ihre Regelmäßigkeiten bewusst zu machen, dass Reimwörter z. B. am Ende gleich klingen und nur unterschiedliche Anfänge haben, dass ein Wort in Silben gesprochen wird, dass Buchstaben einen bestimmten Laut haben. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die diese ein Bewusstsein für Sprache besitzen, sich leichter tun beim Schreiben lernen und vor allem beim Erlernen der Rechtschreibregeln. Für diese Kinder ist klar, wenn Haus H-aus geschrieben wird, dann wird Maus M-aus geschrieben. Sie überlegen nicht lange, sondern schreiben einfach. Deshalb haben auch Kindergärten in den letzten Jahren verstärkt die Förderung der Phonologischen Bewusstheit in den Blick genommen. In vielen Kitas erfolgt dies im Rahmen der Sprachförderung durch das Programm „Hören – Lauschen – Lernen“, aber oft auch durch eigene Übungen oder Gespräche über Sprache. In der Familie ist wichtig, dass Sie viel miteinander sprechen und mit Sprache spielen, Reimwörter finden, Wörter im Rhythmus gehen wie bei dem alten Spiel „Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm“, bei dem man zu jeder Silbe einen Schritt macht. Aber auch Anlaut-Memorys und andere Spiele fördern die Grundfähigkeit, die ihrem Kind hilft, den Schreiblernprozess besser zu durchlaufen.

Freude an Buchstaben

Was ich aber ebenso wichtig finde, ist die Freude an Buchstaben. Als Lerntherapeutin habe ich in den letzten zehn Jahren viele Kinder begleitet und immer wieder festgestellt, dass Kinder, die Freude an Buchstaben, an Büchern, an Geschichten und am Erfinden von Geschichten haben, besser mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche umgehen und motivierter sind, in einer Lerntherapie oder einem Förderunterricht Strategien zu entwickeln, mit denen sie ihre Schwäche in den Griff kriegen. Daher ist Vorlesen, das Anschauen von Bilderbüchern, das gemeinsame Entschlüsseln von Buchstaben in Büchern, Katalogen oder im Schaufenster eine gute Unterstützung, die allen Kindern hilft – ob sie lese-rechtschreib-schwach werden, kann man ohnehin spätestens in der zweiten Klasse sagen, wenn sie alle Regeln gelernt haben. Denn das darf man nicht vergessen: Ein Teil der Diagnose der Lese-Rechtschreib-Schwäche basiert auf dem Regelwerk der Rechtschreibung, würde dieses morgen abgeschafft, gäbe es für die Betroffenen viele Probleme weniger. Es bliebe höchstens die falsche Laut-Buchstaben-Zuordnung und die fehlende Trennung zwischen den Wörtern, die für Schreibanfänger völlig normal ist, aber ab der zweiten Klasse ein Indiz ist, dass eine Lese-Rechtschreib-Schwäche vorliegt. Doch das Thema wird erst später relevant, jetzt lautet das Fazit: Vorbeugen kann man durch Sprechen, Spielen mit Sprache zum Beispiel in eigenen Zungenbrechern und Freude wecken an Buchstaben und allem Geschriebenen.