Was früher als Schulreife bezeichnet wurde, heißt heute Schulfähigkeit. Gemeint sind damit all jene Fähigkeiten und Kenntnisse, auf die ein Kind für einen gelungenen Start bei der Einschulung zurückgreifen kann. Vielleicht ist Ihnen in dem Zusammenhang auch schon der Begriff Vorläuferfähigkeiten begegnet, der sich unter Pädagogen und Wissenschaftlern in den letzten Jahren eingebürgert hat. Damit ist zum Beispiel die Feinmotorik gemeint, das heißt, dass ein Kind in der Lage ist, einen Stift gezielt zu führen, eine wichtige Voraussetzung für das Schreiben. Wenn ein Kind sich beim Schreiben in der Schule von Anfang an verkrampft, den Stift falsch hält oder ihn in die falsche Richtung bewegt, verliert es die Lust und damit auch die Freude an der Schule und am Lernen.

Das gehört zur Schulfähigkeit

Ein Teil dessen, was ein Kind bei der Einschulung können sollte, wird bei der Schuleingangsuntersuchung überprüft. Aber in den wenigen Minuten kann nicht das ganze Spektrum gecheckt werden, daher ist es wichtig, dass Sie als Eltern einen Blick darauf haben, was Ihr Kind kann und wo Sie vielleicht bis zum ersten Schultag noch ein wenig üben müssen. Dabei sollten Sie folgende Fähigkeiten im Blick haben:

  • Wahrnehmung, vor allem Sehen und Hören
  • Motorik, sprich: Bewegungen des Körpers
  • Sprache
  • Konzentration und Gedächtnis
  • Vorstellungskraft
  • Orientierung in Zeit und Raum
  • Logisches Denken
  • Mengen- und Zahlensinn
  • Eigenständigkeit und Selbstvertrauen
  • Emotionale und soziale Kompetenz
  • Basiswissen aus Alltag und Umwelt

Wahrnehmung, vor allem Sehen und Hören

Genau hinsehen - visuelle WahrnehmungDamit Ihr Kind den Schulstoff auch wirklich versteht, muss es vor allem die Sinne gut nutzen können, mit denen Informationen aufgenommen werden, die Auge und die Ohren. In der Fachsprache nennt man das Sehen visuelle Wahrnehmung und das Hören auditive Wahrnehmung. Dazu gehört, dass Ihr Kind in die richtige Richtung schaut und hört, dass es aus vielen Reizen, die es wahrnimmt, die wichtigen unterscheidet. Für ein Kind, das noch nicht lesen kann, ist ein Schulbuch eine Art Wimmelbuch, in dem es sich zurechtfinden muss. Ähnlich ist es mit den Geräuschen. In der Klasse flüstern vielleicht Kinder, draußen arbeitet ein Bagger und die Vögel zwitschern, das ist alles sehr interessant. Da muss Ihr Kind in der Lage sein, auf das zu hören, was der Lehrer oder die Lehrerin sagt. Solche Fähigkeiten trainiert Ihr Kind beim Betrachten von Bilderbüchern, beim Anhören von Vorlesegeschichten und auf viele verschiedene Weisen, die im Blog vorgestellt werden.

Motorik, sprich: Bewegungen des Körpers

Auf den ersten Blick erscheint für die Schulfähigkeit nur die Feinmotorik, also die Bewegung der Hände und Finger interessant. Die sind natürlich sehr wichtig, Kinder sollten, wenn sie in die Schule kommen, ihre Finger und Hände gezielt einsetzen und damit greifen können, wie sie das zum Beispiel beim Brettspiel oder Malen üben. Bedeutsam ist aber auch, dass sie ihren ganzen Körper kontrollieren, dass sie das Gleichgewicht halten können, wenn sie auf einem Bein stehen beispielsweise. Körperbeherrschung ist einerseits hilfreich, um keine anderen Kinder anzurempeln, aber es gibt Studien, die zeigen, dass ein Mensch mit einem guten Gleichgewichtsgefühl zugleich ein besseres mathematisches Verständnis hat. Lassen Sie Ihr Kind also ruhig mal wieder auf einem Mäuerchen balancieren oder Steine aufheben, wenn Sie unterwegs sind.

Sprache

Sprechen SpracheSprache ist ein Schlüssel für den Erfolg – im Leben wie in der Schule. Deshalb wird die Sprachförderung schon im Kindergarten und im letzten Kita-Jahr sehr groß geschrieben. In fast allen Bundesländern gibt es spezielle Testverfahren, mit denen die Sprachkompetenz überprüft wird. Dabei liegt der Schwerpunkt einerseits auf dem Wortschatz, dem Sprachverständnis und auch dem Sprechen, aber vor allem auch auf Fähigkeiten, die wichtig sind, um Lesen und Schreiben zu lernen, dazu gehört zum Beispiel, dass ein Kind reimen, Silben erkennen und Laute am Anfang und am Ende eines Worte unterscheiden kann. Das lernt ein Kind nebenbei, wenn es singt oder Gedichte hört, wenn es zu Liedern klatscht oder Sie nach Wörtern fragt. Welche Programme in Kitas eingesetzt werden und was Sie zu Hause tun können, um Ihr Kind spielerisch zu fördern, erfahren Sie in einigen Beiträgen in diesem Blog.

Konzentration und Gedächtnis

Zwei grundlegende Elemente der Schulfähigkeit sind die Konzentration und das Gedächtnis. Ein Kind muss in der Lage sein, die Aufmerksamkeit gezielt auf etwas lenken, um erfolgreich zu lernen. Nur, wer eine Aufgabe oder einen Lernstoff in den Mittelpunkt seiner Gedanken rückt, kann die Aufgabe lösen und verstehen. Das wird für Kinder immer schwerer, weil sie daran gewöhnt sind, dass alle paar Sekunden etwas Spannendes um sie her passiert. Aber es lohnt sich, vor der Einschulung mit dem Kind zu üben, sich längere Zeit zu konzentrieren. Ebenso wie es sich lohnt, das Gedächtnis zu schulen. Nicht in einem speziellen Training, sondern durch Spiele wie „Ich packe meinen Koffer“ oder Memory oder auch, in dem das Kind kleine Aufgaben erhält und eigenständig erledigt. Dabei eignet es sich seine eigene Merkstrategie an und hat gleichzeitig das Gefühl, wichtig zu sein und eine Aufgabe zu schaffen.

Vorstellungskraft

Ja, eigentlich bedeutet Vorstellungskraft nichts anderes als Fantasie. Aber Fantasie klingt für viele so nach Freizeit und Spaß und scheint auf den ersten Blick mit Lernen nichts zu tun zu haben. Das ändert sich spätestens, wenn das Schulkind die erste Reizwortgeschichte schreiben und die ersten Textaufgabe lösen muss. Vorstellungskraft ist nämlich die Fähigkeit, sich zu Sachverhalten die Bilder im Kopf zu gestalten und dort – ohne einen Gegenstand zu berühren oder etwas aufzuschreiben – eine Lösung zu finden. Unterstützen Sie also Ihr Kind, wenn es erzählen möchte oder Dinge erfindet, dabei trainiert es diese wichtige und unterschätzte Schulfähigkeit.

Orientierung in Zeit und Raum

lingen_ebbert_sf-orientierung„Ich verlaufe mich auch immer“, lautet oft der erste Kommentar, wenn ich bei Vorträgen zum Thema Schulfähigkeit die Folie zu Orientierung in Zeit und Raum auslege. Darum, den richtigen Weg zu finden, geht es bei dieser Fähigkeit nur indirekt. Entscheidend ist sie dafür, sich im ZahlenRAUM zurechtzufinden. Beim Rechnen bewegt man sich in Gedanken auf dem Zahlenstrahl hin und her oder in den verschiedenen „Stockwerken“ des Zahlenraums. Schauen Sie sich einmal eine Hundertertafel an, dann erkennen sie die Stockwerke, die Erwachsene in der Regel versiert wechseln. Kinder müssen noch lernen, dass 2 + 1 und12 + 1 eine ganz ähnliche Aufgabe ist. Dabei hilft ihnen die Fähigkeit, sich zu orientieren.

Logisches Denken

Unter logischem Denken versteht man, sinnvolle Zusammenhänge zwischen zwei Ereignissen zu erkennen. Mein Lieblingsbeispiel dazu stammt von einem kleinen Mädchen, das sich ärgerte, weil die Leute Regenschirme trugen. „Wenn sie die nicht aufspannen würden, würde es nicht regnen“, erklärte sie mir ihren Unmut. Sie hat Ursache und Wirkung verwechselt und hatte noch keinen Sinn für logische Zusammenhänge. Kinder lernen diesen durch Erleben, durch Erklären und irgendwann fangen sie an, eigene Theorien zu bilden und zu überprüfen.

Mengen- und Zahlensinn

Wer mehrere Kinder hat oder mit Kindern arbeitet, weiß, dass Kinder schon vor der Schule Mengen unterscheiden können, dann nämlich, wenn der eine mehr Chips, Gummibärchen oder Plätzchen hat. Je besser ausgeprägt der Sinn für Mengen und Zahlen ist, umso leichter fällt der Start in die Mathematik. Das heißt nicht, dass Ihr Kind ab sofort Rechnen üben soll. Nutzen Sie es, wenn etwas verteilt oder gezählt werden muss und binden Sie das Kind ein. Oder spielen Sie Würfelspiele. So erfährt es, wie sinnvoll diese Fähigkeiten sind und versteht in der Schule die Zusammenhänge besser.

Eigenständigkeit und Selbstvertrauen

Mit der Einschulung wird Ihr Kind wieder ein wenig selbstständiger. Das ist als Eltern oft nicht leicht zu ertragen. Trotzdem ist es wichtig, loszulassen und dem Kind Raum zu geben, das Leben eigenständig zu gestalten. Das können kleine Dinge sein wie die Entscheidung, was es anzieht, oder auch größere wie die, den Schulweg mit anderen Kindern zu Fuß zurückzulegen. Je eigenständiger ein Kind sein darf, umso besser entwickelt sich das Selbstvertrauen. Selbstvertrauen bezeichnet das Vertrauen, das jemand in sich selbst hat, ob er glaubt, etwas schaffen zu können oder ob er erwartet, dass ohnehin nichts klappt. Diese Grundeinstellung zieht sich durch das Leben und wird gefördert, in dem ein Kind Aufgaben wahrnehmen und erledigen kann. Erfolgserlebnisse machen große und kleine Menschen mutiger.

Emotionale und soziale Kompetenz

Bei Schulfähigkeit fallen einem als erstes die Kompetenzen ein, die direkt mit dem Lernstoff zu tun haben. Dabei bedeutet Einschulung auch, sich in eine neue Gruppe einzugewöhnen, sich auf neue Regeln und Menschen einzulassen und letztlich fängt auch ein neuer Lebensabschnitt an. Das ist kein Problem für ein Kind, das schon vor dem ersten Schultag gut mit anderen Menschen umgehen kann. Wer gelernt hat, Kompromisse zu schließen, Enttäuschungen auszuhalten und Konflikte zu bewältigen, findet sich auch in einer Schulklasse und auf dem Schulhof zurecht. Der Kindergarten ist dafür bereits ein Probierfeld, aber auch in der Familie und beim Spielen außerhalb des Kindergartens ist es wichtig, das Einhalten von Regeln zu üben. Als Eltern ist es nicht immer leicht, darauf zu achten, aber Sie schaffen dadurch für sich und Ihr Kind eine gute Grundlage fürs Leben und für die Schule.

Basiswissen aus Alltag und Umwelt

Ein Kind eignet sich vom ersten Lebenstag an Wissen über die Welt an, das hört übrigens nie auf, auch wenn man erwachsen und Eltern wird. In der Schule wird dieses Wissen vor allem sortiert und ergänzt. Dabei bildet das, was Ihr Kind schon weiß eine gute Grundlage. An diese Kenntnisse kann es neue Informationen anknüpfen und ein Wissensnetz aufbauen. Deshalb tun sich zum Beispiel Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, sich leichter mit Informationen über Milch- und Fleischerzeugung und dem Kreislauf von Säen bis Ernten. Grundsätzlich gilt: Je mehr unterschiedliche Dinge ein Kind erlebt hat, umso größer ist die Chance, dass es Schulwissen mit eigenen Erfahrungen verbinden kann und umso leichter kann es sich den Schulstoff merken. Das ist doch eine schöne Motivation für gemeinsame Ausflüge, Besichtigungen, Museumsbesuche usw. Dazu wird es sicher viele Blogbeiträge geben, weil ich gerne die Gelegenheit nutze, solche Events zu testen 🙂

Die Förderung der Schulfähigkeit als Spaß für Groß und Klein

Als Fazit bleibt am Schluss, je besser Ihr Kind auf die Schule vorbereitet ist, umso länger bleibt die Freude erhalten. Diese Vorbereitung muss nicht lästig und nervend sein, sie kann Spaß machen und nebenbei geschehen, darum geht es auch in diesem Blog. Nutzen Sie gerne mein Angebot, Ihre Fragen und Anregungen ins Kommentarfeld zu schreiben oder auch per E-Mail zu schicken – eine der Eigenschaften, die ich mir aus der Kindheit bewahrt habe, ist die Neugier. Ich liebe es, Antworten auf Fragen zu finden wie Kinder es lieben Fragen zu stellen. Also: Nur her damit. Das Thema Schulfähigkeit ist unendlich  🙂