Am Freitag war bundesweiter Vorlesetag, daher gibt es heute ein paar Tipps zum Vorlesen, weil Vorlesen einer der schönsten Wege ist, Kinder zu fördern. Ich war in Köln in einer Kirchengemeinde und habe Kindergartenkindern eine Geschichte von Leo Lausemaus vorgelesen. Leo Lausemaus kann nicht verlieren, hieß die Geschichte und es ging unter anderem um das Thema Im Spiel verlieren, über das ich kürzlich geschrieben habe.

Über die förderliche Wirkung des Vorlesens

c-birgit-ebbert-dsc_0345Wenn Experten über Vorlesen sprechen, dann vor allem in dem Zusammenhang, dass es Spaß am Lesen weckt. Das ist auch so, das ist wissenschaftlich belegt und ich bin ein gutes Beispiel dafür. Meine Eltern haben für sich wenig bis gar nicht in Büchern gelesen, aber sie haben mir viel vorgelesen. Mit dem Ergebnis, dass ich vom ersten Schultag an begierig auf Bücher war. Beim Vorlesen übt ein Kind aber noch viele andere wichtige Fähigkeiten, die ihm in der Schule lernen: Konzentration natürlich, die Vorstellungskraft, wenn es zu einer Geschichte keine Bilder gibt, und genau hinzusehen, wenn es Bilder gibt. Es hört beim Vorlesen die Hochsprache, wie man die Sprache ohne Dialekt und regionale Gewohnheiten nennt. In Geschichten wird Grammatik richtig angewandt und beim Vorlesen spricht man Wörter automatisch richtig aus. Aber vielleicht macht ihr das ohnehin immer alles richtig. Ich verwende im Alltag schon mal die falsche Vergangenheit, gerne Perfekt statt Präteritum, oder nutze Präsens statt Futur, wenn ich nicht schreibe oder mich stark konzentriere. Schließlich ist der Wortschatz in Geschichten vielfältig und Ihr Kind erfährt Dinge, an die Sie sonst womöglich nicht gedacht hätten. In der Leo Lausemaus-Geschichte über das Verlieren ging es zum Beispiel nicht nur darum, dass die kleine Maus beim Spielen verliert. Im Mittelpunkt stand eher der Wunsch, immer der beste zu sein, der in vielen Kindern – und Erwachsenen – einfach drin ist. Leo will die schönste Sandburg bauen, am besten Fußball spielen und so weiter. Schon ist man beim Vorlesen in einem Lebensthema und kann darüber sprechen, ohne dass es gerade aktuell ist. Oh, fast hätte ich etwas ganz Wichtiges vergessen: Vorlesen in der Familie vermittelt dem Kind oder den Kindern das Gefühl, dass sie wichtig sind. Eine ganz entscheidende Erfahrung, um ein gutes Selbstbewusstsein aufzubauen.

Vorlesen kann jede und jeder

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So sah Vorlesen in den 60er Jahren bei uns in der Familie aus 🙂 – Das Märchenbuch, aus dem gelesen wird, besitze ich sogar noch.

Das ist so: Vorlesen kann jeder. Man braucht keine spezielle Ausbildung, wer lesen kann, kann auch vorlesen. Ich weiß, viele denken jetzt, ich konnte das schon in der Schule nicht. Das mag sein, aber Vorlesen in der Schule ist auch etwas völlig anderes. Da geht es um Bewertung, um Noten und um die Angst, vor Mitschülern und Lehrern zu versagen. Beim Vorlesen in der Familie geht es darum, dem Kind, dass sich eine Geschichte noch nicht selbst erschließen kann, diese vorzulesen. Und das ist etwas anderes, als eine CD anzuhören. Sie können jederzeit stoppen, wenn sie merken, Ihr Kind ist mit einer Szene länger beschäftigt. Sie können zwischendurch fragen, ob Ihr Kind alles verstanden hat, denn auch in Bilderbüchern kommen manchmal Bezeichnungen vor, die sich nicht jedem Kind sofort erschließen. Sie können sogar – das habe ich am Vorlesetag gemacht – Begriffe austauschen. In der Leo Lausemaus-Geschichte kam noch mehrmals eine „Kindergärtnerin“ vor und ich weiß, dass viele Erzieher und Erzieherinnen den Begriff nicht mögen, ihnen zuliebe habe ich, wenn ich dran gedacht habe, das Wort durch „Erzieherin“ ersetzt. Ob Sie theatralisch mit verschiedenen Stimmen vorlesen, ist nicht wichtig. Ich mag das zum Beispiel heute noch nicht, weshalb ich manche Lesung meiner Autorenkollegen schon vorzeitig verlassen habe. Ich möchte mir selbst vorstellen, wie eine Elfe oder ein Riese spricht und nicht eine piepsige oder tiefe Stimme vorgeben lassen. Probieren Sie es einfach aus und Sie werden sehen, dass Sie und Ihr Kind Freude daran haben.

5 Vorlesetipps im Überblick

  1. Fangen Sie einfach an und schütteln Sie Bedenken, ob Sie gut lesen oder nicht, ab.
  2. Wählen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind eine Lektüre aus. Für den Anfang möglichst eine mit vielen Kapiteln oder auch mehreren kurzen Geschichten.
  3. Lesen Sie betont und ruhig langsam. Wenn Sie es mögen, verstellen Sie Ihre Stimme je nach Figur, das ist aber kein Muss.
  4. Behalten Sie Ihr Kind im Blick. Gehen Sie auf seine Reaktionen ein oder machen Sie eine Pause und fragen, wie es weitergehen könnte, wenn die Aufmerksamkeit erlischt.
  5. Je nachdem, welche Funktion das Vorlesen hat, sollten Sie über die Geschichte sprechen. Eher nicht, wenn es eine Gute-Nacht-Geschichte ist, denn die soll in den Schlaf führen, ein Gespräch würde den Geist wieder aufwecken. Aber bei anderen Gelegenheiten empfiehlt es sich, nachzufragen, was am schönsten war, welche Figur Ihrem Kind am besten gefallen hat und wie die Geschichte auch hätte ausgehen können.

Geschichten in der Schachtel oder Kamishibai

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So sieht das leere Theater aus, mal sehen, wie ich das nachbasteln kann. Ich bin ja gerade im Bastelfieber 🙂

Die Geschichte von Leo Lausemaus, die ich beim Vorlesetag gelegen habe, wurde vom Veranstalter ausgesucht, weil es dazu speziell für größere Vorleserunden ein „Kamishibai“ gibt. Ich kannte den Begriff bis vor kurzem auch nicht, letztlich ist das nichts anderes als eine Sammlung von Bildern, die auf einer kleinen Holzbühne präsentiert werden. Der Begriff kommt aus dem Japanischen und heißt übersetzt Papiertheater. Unter uns, die Bezeichnung kannte ich nicht, aber in meiner Kindergartenzeit gab es solche Papiertheater bereits. Von den Erzieherinnen mit uns Kindern gebastelt. Die Erzieherinnen haben in einen Schuhkarton rechts und links der Öffnung zwei Schlitze geschnitten. Wir Kinder haben Bilder zu der Geschichte gemalt. Die Erzieherinnen haben diese zusammengeklebt, durch die Schlitze geschoben und wir hatten unser Papiertheater. Ich habe versucht, die damalige Bezeichnung herauszufinden. Bisher vergebens, vielleicht kennt sie jemand von Ihnen. Ich habe mir vorgenommen, demnächst mein eigenes „Kamishibai“ zu basteln und werde berichten. Falls Sie schneller sind, nur her mit dem Foto, ich würde für das nächste dann die Geschichte spendieren 🙂